Vom Ofenbau zur Fahrradfabrik

Geschichtliches über die Roland-, Minerva & Colibri- Fahrradwerke in Brandenburg

Hans Juchert (Text), Märkische Allgemeine vom Sonnabend, 13. November 1993

In der St.- Annen- Straße 33, etwa  dort, wo heute die Durchgangsstraße zum Paulikirchplatz ist, befand sich schon 1880 ein Geschäft, welches sich als "Emaille- Ofen- Lager, Handlung von Eisenwaren zu Öfen, Ton-, Zement- und Schamottefabrikate, Generalvertreter der Bornschen- Gesundheitsöfen" bezeichnete. So ist es im Adressbuch der Stadt Brandenburg ausgewiesen. Besitzer des Geschäfts war Hermann Nitsche. Später war das Geschäft als "Ofenhandlung und Ofen- und Maschinenbaugeschäft" bezeichnet.

Wahrscheinlich um 1887/88 beginnt Hermann Nitsche neben dem Ofenbau mit Fahrrädern zu handeln, denn in Zeitungsannoncen des "Brandenburger Anzeigers" erschienen ab August 1888  die ersten Werbungen, und im Adressbuch 1888 finden wir für die Firma die Bezeichnung "Hermann Nitsche, Ofenbaugeschäft und Ofenhandlung, Lager von Velocipeden-Fabrik von Gebr. Reichstein, hier, St. Annenstr. 33". 1889/90 gab Hermann Nitsche den Handel mit Öfen und den Ofenbau auf, denn das Geschäft hieß jetzt "Brandenburger Velocipeden-Depot, Reparaturwerkstatt für Fahrräder aller Systeme". Somit war Hermann Nietsche der erste Händler, der sich nur mit dem Fahrradhandel in Brandenburg abgab. 


Neben dem Fahrradhandel, zuerst als Vertreter der Firma Gebr. Reichstein Brandenburg, später für Adam Opel in Rüsselsheim und Seidel & Naumann Dresden, begann er 1893 noch mit dem Nähmaschinenhandel. Welche Ausmaße der Handel mit Fahrrädern und Nähmaschinen annahm, lässt sich nicht mehr klären. Schließlich waren ja Fahrräder zu dieser Zeit noch Luxusgegenstände, welche  200 Mark und mehr kosteten.

Im Oktober 1895 bildete Hermann Nitsche mit dem Kaufmann Paul Kausmann eine Gesellschaft, die sich als "Nitsche & Kausmann, Roland- Fahrrad- Fabrik, St. Annenstr. 33" bezeichnet. 


 

 

 

          Herrmann Nietsche

          (auf dem Foto dritter von rechts)

          leitete 1896 bis 1899

          den Radfahrverein "All Heil"

          und beteiligte sich

          aktiv an den

          Kunst-und Reigenfahrten

          bei Saalsportveranstaltungen.

Bis zum Frühjahr 1898 werden ständig Arbeitskräfte, wie Fahrrad-Zusammensteller, Schleifer u.s.w. gesucht. Wie viele Beschäftigte die Firma hatte, ist nirgends vermerkt. Aus einer kleinen Zeitungsannonce über ein Fest Ende September 1897, welches die Firmenleitung für die Arbeiter gab, könnte man auf 80 bis 100 schließen. An dem Fest nahmen ca. 150 Personen teil.


Im Jahr 1897 verlegte die Firma

ihren Sitz zum Gelände Hauptstraße 33

(heute Nr. 53) und Packhof 1-2.

Die Firma nannte sich jetzt "Minerva & Colibri- Fahrradwerke". Gründe dafür

sind nicht zu erklären, denn die Eigentumsverhältnisse blieben in alter Form erhalten.

 


Lange währte aber die Arbeit am neuen Standort nicht, denn die Firma war die erste von drei kleinen Fahrradfabriken in Brandenburg, welche von der großen Fahrradkrise (1897 bis 1901) in Deutschland erfasst wurde. Im Dezember 1898 mussten die Besitzer den Konkurs anmelden.



Schon im Februar 1899 übernahm ein Carl Paul Saran aus Stettin die Firma. Die Gebäude selbst wurden aber an andere Bieter versteigert, so dass Saran die Fabrikgebäude nur zur Pacht erhielt. Aber auch er hatte mit der Fahrradprodukion kein Glück. Ende Dezember 1899 vernichtete ein Feuer große Teile der Fabrikanlagen. Der Schaden soll an Maschinen und Werkzeugen sowie an Fahrradteilen und fertigen Fahrrädern 90.000 Mark betragen haben, welche von der Berliner Versicherungsgesellschaft "Union" zu ersetzen waren. Der Versicherungswert des Fabrikgebäudes betrug  25.000 Mark. Carl Paul Saran gab kurz darauf die Firma auf, denn sie wird im Frühjahr 1900 aus dem Firmenregister gelöscht.

 



Die Konkursangelegenheit von Nitsche & Kausmann zog sich über einen längeren Zeitraum hin. Im August 1899, bei der ersten Abschlagszahlung an die Gläubiger, standen bei 221.863,99 Mark Forderungen nur ein Barbestand von 14.000 Mark zur Verfügung. Bei der Schlussverteilung im August 1900 betrugen die Forderungen der Gläubiger sogar 231.726,46 Mark. Es waren aber nur 121.165,64 Mark Restmasse vorhanden, so dass die Gläubiger nur 5,25 Prozent ihrer Forderungen erhielten. Trotzdem das Konkursverfahren am 4. August 1900 eingestellt und die Gesellschaft Nitsche & Kausmann im April 1904 aufgelöst wurde, kam es im Januar 1905 nochmals zu einer Nachverteilung von 1.414,05 Mark = 0,61 Prozent an die Gläubiger.

Auf dem Gelände Packhof 1-2 ging aber nach der Aufgabe der Fahrradproduktion durch Carl Paul Saran die Arbeit weiter.

Im Frühjahr 1901 finden wir Annoncen von einer "Fahrrad-Bauanstalt", welche selbst hergestellte "Minerva- Räder" für 120 Mark anbot, aber ohne die namentliche Erwähnung des Besitzers.


Vom August 1901 bis 1903 hat dann die "Maschinen- und Fahrradfabrik Spingat & Seelig" hier ihren Sitz.


Aber auch die Herren Hermann Nitsche und Paul Kausmann waren nicht untätig. Paul Kausmann eröffnete 1900 in der Sieberstraße eine Pfandleihe, in welcher er auch mit gebrauchten und neuen Fahrrädern handelte. Letzteres lässt sich über mehrere Jahre verfolgen. Hermann Nitsche eröffnete am 4. September 1901 in der Hauptstraße 2 ein Tabakwarengeschäft. 

Leider konnte bis heute nicht festgestellt werden, ob irgendwo ein "Minerva"- oder "Colibri"-Fahrrad erhalten geblieben ist.

 

Quellen: Brandenburger Anzeiger 1888 bis 1905, Brandenburger Adressbuch 1880 bis 1905